The Bradford Est. 1895

Jeden Donnerstag um 18 Uhr eine neue Folge

The Bradford am Marktplatz von Lindscheid

Staffel 1, Folge 1 · erschienen am Samstag, 16. Mai 2026

Der Stammplatz

Als PDF mitnehmen

An manchen Abenden merkte man dem Bradford an, dass es älter war als alle, die darin saßen. Der Regen hatte gegen vier eingesetzt und seither nicht mehr aufgehört, und der Marktplatz von Lindscheid lag schwarzglänzend und leer hinter den beschlagenen Scheiben. Drinnen roch es nach Hopfen und altem Holz, nach feuchten Mänteln und einer Spur Bohnerwachs, das längst niemand mehr benutzte. Es war Dienstag, und an einem Dienstag wie diesem geschah nie etwas. Die meisten, die da waren, waren genau deshalb gekommen.

Sie waren zu acht, vielleicht zu neun. Egon saß am äußersten Ende der Theke über seinem Pils, Atze zwei Hocker weiter über einem Guinness, das er seit einer Stunde nicht angerührt hatte. Hartmut hatte sich mit seinem Notizbuch in die Ecke verzogen, Jana korrigierte am Fenstertisch einen Stapel Klassenarbeiten, und vor dem Fernseher saß Bettina im Schal und sah zu, wie der SV Lindscheid auswärts unterging. Hannelore nippte an einem Eierlikör und langweilte sich. Hinter dem Tresen zapfte Volker ein Pils, das niemand bestellt hatte, einfach, weil es etwas zu tun gab, und Iris baute aus Bierdeckeln kleine Türmchen, die sie gleich wieder einriss.

Gegen halb acht ging die Tür. „Manni“, sagte der halbe Raum, ohne aufzublicken. Manni schälte sich aus dem nassen Mantel und setzte sich auf seinen Hocker, wo das Bitburger schon auf ihn wartete. „Doris meint, ich soll weniger hier sein“, sagte er zum Schaum. „Und?“, fragte Iris. „Bin ich ja. Es regnet.“ Mehr war dazu nicht zu sagen.

Ein paar Fremde kamen und gingen an diesem Abend, wie das auch an toten Dienstagen vorkommt: ein junges Paar, das nur dem Regen entkommen wollte und nach einem Kölsch wieder verschwand, und ein Mann um die fünfzig im grauen Sakko, dessen Wagen draußen auf dem Platz den Geist aufgegeben hatte. Der Mann blieb, trank ein Pils und sah alle paar Minuten auf die Uhr. „Die kommen, wenn sie kommen“, sagte Volker. „Und wenn nicht, ist es morgen jemand anderes’ Problem.“ Der Mann lächelte schmal und bestellte noch eins.

Kurz nach neun ging die Tür noch einmal, und diesmal sah jeder hin – vielleicht, weil um diese Zeit niemand mehr kam. Die Frau, die hereinkam, war Ende vierzig, der Mantel durchnässt, das Haar an der Stirn festgeklebt. Sie blieb einen Atemzug zu lang stehen und sah sich um, nicht wie jemand, der einen Platz sucht, sondern wie jemand, der etwas wiedererkennen will. Dann ging sie an allen vorbei und setzte sich auf den Hocker ganz am Ende, am Fenster.

„Was darf’s sein?“ – „Ein Pils, bitte.“ Sie nahm das Glas mit beiden Händen und trank nicht gleich. Volker stellte sich ihr gegenüber und polierte ein Glas, das längst trocken war, was bei ihm hieß, dass er Zeit hatte. „Schlechtes Wetter zum Spazierengehen“, sagte er. „Ich gehe nicht spazieren“, sagte sie. „Ich suche eigentlich nur etwas.“ – „Dann sind Sie hier richtig. Wir haben von allem ein bisschen was rumliegen.“ Sie lächelte, aber es ging nicht ganz bis zu den Augen.

Hannelore hielt es keine fünf Minuten aus. „Sie sind nicht von hier“, sagte sie über zwei Hocker hinweg. „Nein.“ Die Frau drehte sich halb zu ihr. „Aber mein Vater war von hier. Er hat hier gesessen, früher. In diesem Lokal.“ – „Und der schickt Sie jetzt mal vorbei?“, fragte Hannelore, schon im Geschäft. „Nein“, sagte die Frau. „Der schickt mich nicht mehr. Er ist im März gestorben.“

Es wurde still, anders als vorher. Iris, die so etwas immer als Erste merkte, kam näher und stützte sich auf den Tresen. „Das tut mir leid“, sagte sie, und sie sagte es so, dass es nicht dahingesagt klang. „Ich räume gerade seine Wohnung aus“, sagte die Frau, mehr zu ihrem Glas. „Und in einer Schublade lag das hier.“ Sie legte einen Bierdeckel auf den Tresen, abgegriffen, an den Rändern weich geworden, mit dem alten Schriftzug des Bradford. „Daneben ein Foto. Er steht an diesem Tresen und lacht. Jünger, als ich ihn je gekannt habe. Ich wollte nur sehen, ob es das Lokal noch gibt.“

Volker nahm den Bierdeckel und drehte ihn um. „Wann war das?“ – „Bis Mitte der Neunziger. Dann ist er weg, der Arbeit hinterher.“ – „Da war ich noch nicht hier“, sagte Volker. „Vor mir war das der alte Schäfer. Ihren Vater hab ich nie gezapft.“ Er legte den Deckel zurück, an seinen Platz. „Aber vielleicht“ – er sah zum Ende der Theke – „kennt den ja noch wer.“

Egon hatte sich nicht umgedreht. „Wie hieß er?“ – „Lindemann“, sagte sie. „Wilhelm Lindemann. Alle haben Willi gesagt.“ Eine Weile sagte Egon nichts. Dann stellte er sein Glas ab, langsam, und drehte sich auf dem Hocker herum, der ganze schwere Mann. „Der Willi“, sagte er. „Klar kenn ich den Willi. Der hat da gesessen, wo Sie jetzt sitzen. Genau da, am Fenster.“

„Sie kannten ihn?“ – „Zwanzig Jahre. Vielleicht länger.“ Egon sah sie an, als suchte er in ihrem Gesicht nach jemandem. „Sie haben was von ihm. Um die Augen rum.“ – „Das sagt man mir.“ – „Den Platz wollte er immer, den am Fenster. Von hier seh ich, wer kommt, hat er gesagt, und ich seh, wer geht, mehr muss ein Mann nicht wissen.“ Egon brummte. „So ein Spruch von ihm. Hatte für alles so einen Spruch.“

„Witze konnte er keine erzählen“, sagte Egon dann, unvermittelt, fast vorwurfsvoll. „Kein einziges Mal hat er eine Pointe heil rübergebracht. Fing immer schon vorher an zu lachen, und dann war’s aus, dann kam nichts mehr, bloß noch der Willi, rot im Gesicht, mit Tränen in den Augen.“ Er schüttelte den Kopf. „Und wir Idioten haben jedes Mal mitgelacht. Über gar nichts. Bloß weil er so gelacht hat.“ Andrea lächelte, und es kostete sie etwas. „Das hat er bis zuletzt gemacht. Im Heim auch noch. Die Pfleger wussten nie, worüber.“ – „Muss man auch nicht wissen“, sagte Egon. „Nein“, sagte sie. „Wohl nicht.“

Er trank einen Schluck, und einen Moment sah es aus, als wäre er fertig. Dann fing er noch einmal an, leiser. „Einmal wollte er die Musikbox reparieren. Stand da drüben in der Ecke. Kein Problem, Egon, sagt er, das krieg ich hin. Schraubt das Ding auf, macht da drin rum –“ Egon hob die Hand und ließ sie wieder sinken. „Drei Wochen kein Ton. Mausetot. Wir saßen den halben Dezember in der Stille rum wie auf einer Beerdigung.“ – „Waren Sie ihm böse?“, fragte Andrea. „Böse.“ Egon schnaubte. „Dem Willi konnte keiner böse sein. Das war ja das Schlimme an ihm.“

Andrea drehte das Glas zwischen den Händen. „Ich hab ihn nicht oft erlebt, wissen Sie. Meine Mutter ist mit mir weggezogen, als ich neun war. Danach war er ein Vater am Telefon. Zwei Wochen im Sommer.“ Sie sah auf den Bierdeckel. „Aber von hier hat er immer erzählt. Vom Bradford. Von einem Egon sogar, glaube ich.“ Egon sagte eine Weile nichts. „Kann sein“, sagte er dann, und seine Stimme war rau. „Kann gut sein.“

Die anderen hielten sich zurück, jeder auf seine Weise. Achim, der sonst zu allem etwas wusste, sagte diesmal nichts. Reinhard fand wie immer nicht das Richtige und brachte etwas von „den Augen ihres Vaters“ heraus, bis Iris ihn ansah und er von selbst verstummte. Und als Hartmut anhob, etwas über „die Kneipe als letzten Hort der Erinnerung“ zu sagen, genügte ein leises „Hartmut“ von Kalle, und es war wieder still.

Volker war kurz verschwunden und kam mit einer kleinen, kantigen Flasche zurück. „Der Schäfer hat mir so ein Heft hinterlassen, als er aufgehört hat“, sagte er. „Wer was trinkt. Bei Lindemann steht: ein Pils, und hinterher ein Underberg.“ Er stellte den Underberg neben ihr Glas. „Der geht aufs Haus. Auf den Willi.“ Es wurde nicht angestoßen. Egon hob nur kurz sein Pils Richtung Fenster, und ein paar andere taten es ihm nach, sogar der fremde Mann im grauen Sakko, der nicht wusste, wen er da grüßte.

Und in die Stille hinein sagte Atze, der den ganzen Abend kein Wort gesagt hatte, ohne aufzusehen: „Willi. Der Underberg ist immer noch zu warm.“ Einen Moment rührte sich niemand. Dann lachte Andrea – kurz, überrascht, und schon liefen ihr die Tränen. „Genau das“, sagte sie. „Genau das hätte er gesagt.“

Sie blieb noch eine Weile, länger, als sie vorgehabt hatte. Egon erzählte, sie hörte zu, und einmal lachte sie richtig, mit dem Kopf im Nacken. Dann stand sie auf, legte einen Schein hin, den Volker zurückschob, und zog den klammen Mantel wieder an. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah sie alle an, als wollte sie sich das Bild merken, das ihr Vater dreißig Jahre lang mit sich herumgetragen hatte. „Danke“, sagte sie. Mehr nicht. Dann war sie draußen, und durch die beschlagene Scheibe sah man sie über den leeren Platz gehen und kleiner werden.

Kurz darauf kam der Pannendienst, und der Mann im grauen Sakko zahlte und ging. Im Fernseher pfiff der Schiedsrichter ab; Lindscheid hatte zwei zu null verloren, und Bettina sagte „typisch“, aber leiser als sonst. Manni sah noch eine Weile auf den leeren Hocker am Fenster. „Wer war’n das jetzt?“, fragte er. „Die Tochter vom Willi“, sagte Egon, als wäre damit alles gesagt. Und vielleicht war es das auch.

Volker nahm das leere Fläschchen weg, wischte einmal über den Tresen am Fenster und ließ den weich gewordenen Bierdeckel liegen, wo er lag. Dann zog er das nächste Pils auf. Draußen regnete es weiter, drinnen war es warm, und so ging der Dienstag im Bradford zu Ende, wie die Dienstage dort zu Ende gingen: als wäre nichts gewesen – und doch.